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Montag, 15. Februar 2021 | Julia Schreiter

Aus der Werkstatt des Kollegs, Teil 14

Hier geben Wissenschaftler und Wissenschaflerinnen des Graduiertenkollegs den Blick auf ihren Schreibtisch frei: Sie schreiben oder sprechen darüber, welche Arbeit derzeit auf sie wartet, worüber sie nachdenken, mit welchen romantischen Themen, Texten, Bildern und Musikstücken sie sich gerade beschäftigen. In vielen Fällen sind das Aspekte einer Dissertation. Es können aber auch im Entstehen begriffene Projekte und Bücher anderer Art sein. Oder Gedanken und Nebenwege, auf die einen die Beschäftigung mit der Romantik führt.

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In der zweiten Doktorand*innen-Gruppe des interdisziplinären Graduiertenkollegs entstehen zwei Dissertationen, die neben der Modelltheorie auch mit dem methodischen Werkzeug einer Spieltheorie arbeiten. Es folgt ein zweiteiliger Werkstattbericht über das Spielen. Im ersten Teil stellt Julia Schreiter exemplarisch Metafiktion als Spielbewegung in ihrer literaturwissenschaftlichen Arbeit vor.

„Ich spiele.“  Das ist – manchmal – meine Antwort auf die Frage, was ich eigentlich den ganzen Tag so mache. Wenn ich dann erzähle, wie dieses Spielen genau aussieht, zeigt sich schnell die ernste Seite des Themas. Unter Spiel versteht man gemeinhin „eine unregelmäßige, nicht durch einen Zweck bestimmte Bewegung“. [1] Wolfgang Iser hat aus dem Spiel eine Literaturtheorie entwickelt, die ich für meine germanistische Arbeit als Analysemethode nutze. Die Spielbewegung vollzieht sich dabei als ein beständiges Oszillieren zwischen zwei Polen – z. B. zwischen der Fiktion und ihrer Durchbrechung. In diesem Punkt war Clemens Brentano einer meiner Spielpartner.

Der erste Teil seines Godwi [2] ist als Briefroman ausgeführt, der eine Fülle an Figuren zu Wort kommen lässt. Der zweite Band führt Maria, den fiktiven Autor dieses Briefromans, als Figur ein: Als Ich-Erzähler trägt Maria die Geschichte Godwis zusammen. Er hat die Briefe des ersten Teils bearbeitet und herausgegeben.
Im zweiten Teil rücken der Fiktionsstatus der Figuren sowie das Ringen um die „richtig“ wiedergegebene Geschichte – und damit den Wahrheitsgehalt der Fiktion – immer wieder in den Fokus. Das Haupttitelblatt des ersten Bandes nennt Maria als Autor des folgenden Briefromans, was den Eindruck erweckt, er habe sich den Inhalt der Briefe ausgedacht. Dass dem nicht so ist, gibt er in der Vorrede des zweiten Bandes zu. Er hatte den Auftrag bekommen, Briefe zu ordnen und ein bisschen abzuändern. Mit diesem Geständnis wird der Fiktionsstatus des ersten Teils thematisiert: Innerhalb von Brentanos Gesamtfiktion hat der fiktive Autor Maria eine Mischung aus – auf seiner Wirklichkeitsebene – realen Dokumenten und Hinzugedichtetem vorgelegt. Das Personal der Briefe existiert damit und ist kein Fantasieprodukt.
Im zweiten Band tritt der Autor Maria in die Welt ein, die er zuvor beschrieben hat, indem er das reale Vorbild für seinen Protagonisten Godwi aufsucht. Denn er möchte den zweiten Teil der Geschichte treffender schreiben – sein Auftraggeber ist mit den geordneten Briefen nämlich ausgesprochen unzufrieden. Aus der extradiegetischen [3] wird eine intradiegetische [4] Figur. Nicht ihm, sondern dem zweiten intradiegetischen Erzähler – Godwi – kommt die Hoheit über die Geschichte zu, deren Teil er ist. Denn aufgrund seines Wissens als intradiegetische Figur des ersten Bandes kann er einige rätselhafte Stellen auflösen und den Autor Maria teilweise für seine Arbeit kritisieren. Verweise auf die entsprechenden Textstellen mit den passenden Seitenzahlen im ersten Band unterstreichen diese Wirkung und heben die Materialität des Mediums Buch hervor, das der Rezipient/die Rezipientin in den Händen hält.
In Brentanos Darstellung der Zusammenarbeit zwischen Autor und Protagonist liegt Fiktionsironie vor. Denn die beiden wollen die unverständlichen Stellen des ersten Teils aufdecken und die Familiengeschichte richtig zu Ende erzählen – und damit die Fiktion aufrechterhalten und korrigieren. Dabei thematisieren sie jedoch fortwährend ihren Doppelstatus als reale Figuren einerseits und fiktive Figuren in Briefroman bzw. niedergeschriebener Familiengeschichte andererseits und demonstrieren ihren Einfluss auf die Figuren in der Fiktion. Hierin liegt die spielerische Pendelbewegung.
Ihren Einfluss auf die fiktionalen Figuren betonen Maria und Godwi in ihrem Gespräch über die mögliche Fortsetzung des ersten Bandes. Dabei thematisieren sie die Schwierigkeiten eines Autors, eine plausible Handlung zu entwickeln, und das Schreiben als Arbeit. Da Maria Godwis Geliebte Otilie so ätherisch angelegt hat, dass eine physische Beziehung mit ihr unvorstellbar ist, sieht Godwi nur eine Lösung: „[I]ch hätte mich wenigstens umbringen müssen, weil sie mich nicht nehmen wollte oder konnte – einen anderen Ausweg wüßte ich nicht.“ (BG, S. 346) In ihrem Gespräch unterscheiden Godwi und Maria die Existenzweisen der Figuren nicht, was zur Uneindeutigkeit führt. Redet Godwi von seinem Tod, bezieht er sich auf die fiktive Figur namens Godwi in Marias Roman, deren Vorbild er ist. Ebenso wenig wie das Buch ihn hätte töten können, fällt der Godwi in den Teich (vgl. BG, S. 345), der vor Maria steht, sondern lediglich die gleichnamige Figur.
Allerdings können sich die Ebenen auch mischen. Den Appell „Glückliche Reise [...], kommt um Gotteswillen nicht wieder –!“ (BG, S. 438) richtet Maria an die fiktiven Figuren, die er nicht von seiner Realitätsebene aus ansprechen kann. Dadurch deutet Brentano einen narrativen Kurzschluss an, der sich gegen die Erzähllogik richtet. Das Pendel schwingt aus, indem die reale Figur die fiktive Figuren anspricht und die Realitätsebenen mischt.

Und jetzt geh ich wieder spielen. Matthias Zschokke wartet schon ungeduldig. Er ist einer der Autoren, anhand derer ich zeige, wie die verschiedenen Spielmomente der Romantik bis in die Gegenwart fortwirken.

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[1] Spiel. In: Der Duden in 12 Bänden. Das Standardwerk zur deutschen Sprache. 10. Bd. Das Bedeutungswörterbuch. 4., neu bearb. u. erw. Aufl. Hrsg. von der Dudenredaktion. Mannheim u. a.: Dudenverlag 2010. S. 871.

[2] Ich zitiere aus Clemens Brentano: Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter. Stuttgart: Reclam 1994.

[3] Die Figur ist nicht Teil der Erzählung

[4] Die Figur ist Teil der Erzählung.