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Mittwoch, 2. Dezember 2020

Drei Fragen an: Simeon Thompson

Gäste am Graduiertenkolleg beantworten drei Fragen zur Bedeutung von "Romantik" für ihr Leben und ihre Forschung.

https://www.youtube.com/watch?v=7yl_eQpi8Ko&feature=emb_title

1. WAS VERBINDEN SIE GANZ ALLGEMEIN MIT ‚ROMANTIK‘?

Potter Stewart, Richter im obersten Gerichtshof der USA, wich 1964 bekanntlich der Aufgabe aus, eine Definition für Obszönität festzulegen, und meinte stattdessen lapidar: „I know it when I see it.“ In diesem Musikbeispiel scheint mir die Romantik fast mit Händen zu greifen, umso mehr als sie aus heutiger Sicht fehl am Platz ist. Bach, der im populären Verständnis wie kein zweiter für Logik, Gesetzmäßigkeit, ja für eine auskomponierte Mathematik steht, wird durch Furtwänglers Interpretation in die Nähe eines Werks wie Wagners Lohengrin-Vorspiel gerückt (laut Thomas Mann immerhin „der Gipfel der Romantik“).

I know it when I see it: Was ich hier sehe, ist eine Reihe von Kunstmitteln, die gerade darauf hinzielen, so etwas wie eine Ursprünglichkeit, eine unmittelbar erfahrbare, tiefere Wahrheit zu evozieren. Aber haben wir es noch mit der Romantik zu tun, wenn jegliche Spur von Ironie fehlt, jegliche Reflexion über die Künstlichkeit?

2. WOMIT HABEN SIE SICH GENAU IN IHRER MASTERARBEIT BESCHÄFTIGT? WIE HABEN SIE SICH IN IHREM FORSCHUNGSPROJEKT MIT DEM PHÄNOMEN ‚ROMANTIK‘ AUSEINANDERGESETZT?

Ich arbeite zu einem Beispiel der Romantik-Rezeption im nationalsozialistischen Deutschland, genauer im deutsch-schweizerischen Kulturaustausch. Es handelt sich um eine weitgehend vergessene Oper nach Joseph von Eichendorffs Novelle Das Schloss Dürande (1837). Komponist war der Schweizer Othmar Schoeck (1886–1957), das Libretto stammt vom deutschen Dichter Hermann Burte (1879–1960). Die Oper, im Wesentlichen vor Kriegsausbruch entstanden, erfuhr 1943 eine repräsentative Uraufführung an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin.

Eichendorffs Novelle bietet einen politisch brisanten Stoff, stellt sie doch die Französische Revolution als gewaltiges Ende einer idyllischen Vorzeit dar. Die Adaption lässt sich genug einfach als politisch ‚konform‘ verstehen, zumal sich der Nationalsozialismus bemühte, an Traditionen der deutschen Romantik, auch aber an Traditionen des deutschen Konservatismus anzuschließen, in denen auch Eichendorff und besonders diese Novelle zu stellen sind. Andererseits lässt sich die Oper auch mit zahlreichen Beispielen aus der sogenannten inneren Emigration oder der weitgehend konservativen Opposition vergleichen. Aus dieser Warte wurde der Nationalsozialismus auf heute eher befremdliche Weise kritisiert, nämlich als Produkt einer negativ betrachteten Aufklärung, als Umbruch, der sowohl mit der Französischen Revolution verglichen als auch in deren Nachfolge gestellt wurde.

Die Mehrdeutigkeit dieser Oper entspricht zudem der Romantik- und besonders der Eichendorff-Rezeption zu dieser Zeit. Es ist weniger eine Vereinnahmung zu beobachten als eine fortwährende Diskussionen darüber, wie genau die Romantik und der „deutscheste aller deutschen Dichter“ Eichendorff mit dem Nationalsozialismus zu verbinden seien. Diese Ambivalenz öffnete auch anderen Komponisten die Tür für latent oder verdeckt systemkritische Eichendorff-Vertonungen, wie allgemein gerade die Romantik-Rezeption für die sogenannte innere Emigration einen wichtigen Bezugspunkt darstellte.

3. IM GRADUIERTENKOLLEG ‚MODELL ROMANTIK‘ WIRD DAVON AUSGEGANGEN, DASS DIE ROMANTIK MODELLBILDENDE QUALITÄTEN AUFWEIST. KÖNNEN SIE ETWAS DAMIT ANFANGEN?

Der Ansatz kann bei zwei Fragen helfen, die sich im Rahmen meiner Arbeit stellen. Erstens haben wir es bei bekannten Eichendorff-Komponisten wie Schoeck oder Hans Pfitzner mit Vertretern der musikalischen „Spätromantik“ zu tun. Wie kann man die Beziehung zwischen literarischer und musikalischer Romantik fassen, wenn sie zumindest zeitlich so weit auseinanderklaffen? Ihre Verbindung wirkt teilweise hochgradig konstruiert, gerade wenn musikalische Spätromantiker als Seelenverwandte des literarischen Spätromantikers Eichendorff gehandelt werden. Dennoch scheint die musikalische Romantik je nach Auslegung bis ins 20. Jahrhundert hinein als Paradigma gewirkt zu haben. Die Vorstellung eines Modells könnte helfen, die Distinktion zwischen einer Romantik aus erster und aus zweiter Hand aufzulockern; auch ließen sich Zusammenhänge wie derjenige zwischen literarischer und musikalischer Romantik neu perspektivieren.

Simeon Thompson ist Doktorand an der Universität Bern und Mitglied der Graduate School of the Arts. Er arbeitet an einer Dissertation mit dem Arbeits­titel „Othmar Schoeck, Hermann Burte und ihre Eichendorff-Adaption Das Schloss Dürande als Beitrag zum Musiktheater NS-Deutschlands“. Vom 15. Januar bis zum 3. Februar war Simeon Thompson zu Gast am Graduiertenkollegs „Modell Romantik“ [link zu "ZU GAST" einfügen].