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Donnerstag, 23. Mai 2024 | Romy Langeheine

„Da ist ein Loch im Himmel“ - Ein Abend mit Rainald Grebe über „Volkslieder“ in Romantik und Gegenwart

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Der Schriftsteller und Poet Johann Gottfried Seume dichtete 1804:

„Wo man singet, lass dich ruhig nieder / Ohne Furcht, was man im Lande glaubt,
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt / Bösewichter haben keine Lieder“

und er stellte abschließend fest: „weh' dem Lande, wo man nicht mehr singet!“ In Deutschland wird nicht mehr gesungen – zumindest, wenn es um das Volkslied geht. Von vermeintlichen Klassikern wie „Brunnen vor dem Tore“ oder „Hoch auf dem gelben Wagen“ sind die erste und vielleicht noch die zweite Zeile bekannt, danach wird meist nur noch mitgesummt – die Melodie ist noch halbwegs bekannt, der Text vergessen; oder nie gelernt worden.

Dabei galt das Interesse namhafter Denker, Schriftsteller und Dichter dem „einfachen“ Lied des vermeintlich „einfachen“ Volkes. Die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, die die beiden Romantiker Clemens Brentano und Achim von Arnim 1805 bis 1808 in drei Bänden veröffentlichten, ist bis heute auch über die Grenzen der Romantikforschung hinaus bekannt und nicht die einzige Sammlung ihrer Art. Einige folgten: am bekanntesten sind wohl der „Deutsche Liederhort“ (1856) oder „Die Mundorgel“ (1951). Der Begriff „Volkslied“ meint dabei Lieder mit allgemein bekannten, nachvollziehbaren oder geteilten Inhalten wie Liebeskummer oder Naturerfahrungen. Damit sich neben dem Text auch die Melodie einprägt, müssen sie musikalisch eingängig sein.

Warum sind diese „alten“ Lieder heutzutage eine so „unglückliche Gattung“ und in Vergessenheit geraten? Wer singt sie vielleicht doch noch? Oder lassen sich inzwischen „neue“ Volkslieder finden? Und wenn ja, wo? Kann man als Liedermacher der Gegenwart auch heutzutage noch ein Volkslied erschaffen?

Antworten gab es am 19. April 2024 von dem Liedermacher, Kabarettisten und Theaterregisseur Rainald Grebe, der sich seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, in einigen seiner Lieder und Theaterstücke mit den oben genannten Fragen beschäftigt hat. Nach eigener Aussage trieb ihn seit Beginn seiner Liedermacher-Karriere die Suche nach einem modernen Volkslied um. Die Idee, dass Menschen seine Lieder am Lagerfeuer sängen, ließ ihn nicht los – mit den Länderhymnen „Brandenburg“ und „Thüringen“ ist diese Idee zumindest regional Wirklichkeit geworden. Auch als Autor und Theaterregisseur hat sich Rainald Grebe mit dem Volkslied beschäftigt, beispielsweise 2007 auf der CD „Volksmusik“ oder 2013/14 im gleichnamigen Theaterstück am Hamburger Thalia Theater.

In den vergangenen Jahren ist er in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut nach Mexiko, Thailand und an die Elfenbeinküste gereist, um die dortigen Liedtraditionen zu erkunden und Liedgut zu präsentieren. Rainald Grebe singt dort mit den Deutschstudentinnen und -studenten nicht nur seinen eigenen Song „Brandenburg“, sondern auch „Atemlos“ von Helene Fischer, Fußball-Fangesänge oder „Der Mond ist aufgegangen“.

In seinem Jenaer Vortrag führte Grebe das Publikum entsprechend informativ und durch viele Tonbeispiele untermalt durch die Geschichte des Liedersingens in Deutschland. Gebrochen ist diese Geschichte durch die Zeit des Nationalsozialismus: Ab 1933 wurden Kulturschaffende und Vereine entweder gleichgeschaltet oder gleich ganz verboten, insbesondere die Jugendmusikbewegung und Sängerbünde waren davon betroffen. Aus Volksliedsammlungen wurden Lieder der Arbeiterbewegung, mit geistlichem Inhalt oder in Mundart gestrichen, gesungen wurde nicht mehr privat, sondern hauptsächlich bei der HJ und beim BDM, wo neu geschaffene Kampflieder erklangen. Infolgedessen entstand, so schlussfolgerte auch Grebe, in Deutschland eine gewisse „Liederscham“ und das „Lied“ geriet unter Generalverdacht. Lieder, die nun als „braun gefärbt“ wahrgenommen wurden oder auch nur wahrgenommen werden konnten, wurden nun wiederum aus Liederbüchern gestrichen. Weitere Abhilfe versprach die Flucht ins Englische. Als Beispiel führte Rainald Grebe neben Elvis die „Discoqueen“ Donna Summer an, die ab Ende der 1960er Jahre in Deutschland und Österreich arbeitete. Die Lieder waren eingängig und unschuldig, nicht zuletzt, da man die Texte nicht immer genau verstand. Wer hörte schon so genau, dass es in Summers Cover-Hit „MacArthur Park“ um einen Kuchen geht, der im Park nassregnet und von dem das Rezept verlorengegangen ist?Doch es gab auch die Gegenbewegung, Sänger, die das deutsche Lied bewahren wollten: Als ein solcher Befürworter des Volksliedes trat vor allem Heino auf, der so weit ging 1976 alle drei Strophen des Deutschlandliedes aufzunehmen.

Nach einem Exkurs zum Niedergang des sauberen Endreims (und einer Darbietung von Grebes „Palmöl aus Malmö“ am Klavier), der für Grebes eigene Lieder durchaus wichtig sei, blieb die Frage nach der Romantik. Anknüpfungspunkte lieferte Rainald Grebe mit seinem eigenen Lied „Loch im Himmel“, das er von Franz Schumacher an der Gitarre begleitet sang. In diesem Song geht er große Themen wie den Verlust des Glaubens an, die er alltäglich darstellt. In seiner eigenen Wahrnehmung habe es die Romantik aber heutzutage schwer, die Gesellschaft sei nicht für die Romantik gemacht. Wobei es durchaus ein Bedürfnis junger Liedermacher und des Publikums nach ihr gäbe. Auffällig bei dieser neuen Generation von Liedermachern sei der Blick nach innen, das Singen mit geschlossenen Augen (Philipp Poisel) oder die Inszenierung als neue Gemeinschaft inmitten der Natur (Max Prosa).

Nach seinem Vortrag stand Rainald Grebe für Fragen von Dirk von Petersdorff, Professor für germanistische Literaturwissenschaft in an der FSU, und Romy Langeheine sowie aus dem Publikum zur Verfügung. Anschließend klang der Abend beim vom Künstler gewünschten ersten veganen Mutzbraten der Welt heiter aus.

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Video zur Darbietung von "Thüringen" im Hörsaal 144:

Vorstellung von Rainald Grebe und seinem Werk durch Romy Langeheine.

Rainald Grebe singt "Thüringen" im Hörsaal 144 des Universitätshauptgebäudes.

Rainald Grebe singt "Loch im Himmel", begleitet von Franz Schumacher an der Gitarre.

Nach seinem Vortrag stand Rainald Grebe für Fragen von Dirk von Petersdorff, Romy Langeheine und aus dem Publikum zur Verfügung.

Dank an Kevin Leja für das Catering mit dem "ersten veganen Mutzbraten der Welt".